Oder..."Die Geschichte, warum Michl zum Radreise-Guide wurde."
Es gibt Momente, die kündigen sich nicht an.
Sie passieren einfach.
Bei manchen dauert es eben länger, bis sie ihren ersten echten Bikepacking-Moment erleben.
Bei mir war das nicht anders.
Ich komme aus dem Rennradsport. Über zwanzig Jahre lang war mein Leben strukturiert: Rennen an den Wochenenden, Training unter der Woche, Leistungsdiagnostik, Teamtaktik, Positionskämpfe im Feld.
Ich habe jede freie Minute investiert. Und ich sage es ganz ehrlich: Es war eine großartige Zeit.
Aber wenn man Radsport als Leistungssport betreibt, verschiebt sich der Fokus.
Man fährt, um schneller zu sein. Nicht um zu sehen.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt. Nicht die Intensität. Sondern die Weite.
Zurück zu dem, warum ich überhaupt begonnen habe
Mit 35 habe ich den Leistungssport hinter mir gelassen. Familie, Verantwortung, der Familienbetrieb – das Leben wird leiser, aber klarer.
Und plötzlich war sie wieder da, diese Erinnerung.
Als Jugendlicher war das Fahrrad meine Freiheit.
Es war mein Mittel, meine Umgebung eigenständig zu entdecken.
Mein Radius wurde größer, meine Touren länger. Daraus wurde irgendwann Leistungssport.
Davor saß ich nicht aus Trainingszwecken am Rad – sondern aus Neugier.
Genau dort bin ich wieder gelandet.
Nicht am Start eines Rennens.
Sondern am Anfang einer Reise. Meiner Reise.
Der Norden war lange nur eine Idee
Meine Radreisen begannen klassisch: Toskana, Frankreich, Schweiz, der Rhein. Alles schön, alles intensiv.
Skandinavien war für mich lange etwas anderes.
Ein fernes Ziel. Fast mythisch.
Ich hatte Respekt. Vielleicht sogar zu viel.
Geschichten über raues Wetter, endlose Distanzen, Einsamkeit, Mücken.
Für mich als Österreicher wirkten die Skandinavischen Weiten fast abstrakt.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, man müsse „bereit“ sein für den Norden.
Heute weiß ich: Man muss nicht bereit sein. Man muss nur losfahren.
Der Start von zuhause
Meine Frau war es, die mir irgendwann sagte: „Mach es einfach.“
Also bin ich losgefahren.
Von meiner Haustür in der Steiermark.
Ohne Zug, ohne Bus, ohne Flugzeug.
Bis zum Nordkap.
Und wieder zurück.
Rund 10.000 Kilometer.
Drei Monate lang.
Diese Reise allein ist eine eigene Geschichte. Aber sie war der Moment, in dem sich etwas verschoben hat.
Und dann war ich im Norden
Als ich in Skandinavien ankam, war nichts spektakulär inszeniert.
Kein großes Panorama mit Trommelwirbel. Kein „Wow-Effekt“.
Nur Weite.
Licht.
Stille.
Und genau das hat mich gepackt.
Mit jedem Kilometer wurde mir klarer:
Die Dinge, vor denen ich Respekt hatte – Wind, Wetter, Distanzen – waren genau die Dinge, die mich jetzt faszinieren.
Ich fühlte mich nicht klein.
Ich fühlte mich ruhig.
Und auf Campingplätzen, auf Schotterstraßen, an kleinen Tankstellen traf ich immer wieder Radreisende mit demselben Blick. Dieses leise Leuchten, wenn jemand von seinem Tag erzählt.
Der Norden drängt sich nicht auf.
Man muss ihn selbst wollen.
Wie aus meiner Begeisterung ein „Wir“ wurde
Zurück zuhause konnte ich nicht mehr aufhören, davon zu erzählen.
Nicht von Rekorden.
Nicht von Kilometern.
Sondern von diesem Gefühl.
Und langsam habe ich gemerkt, dass diese Begeisterung ansteckend ist.
Heute teilen wir sie im Team.
Unsere Guides bringen ihre eigenen Erfahrungen mit – aber irgendwann hat der Norden uns alle eingefangen.
Was als mein persönlicher Traum begann, ist heute ein gemeinsamer Schwerpunkt geworden.
Und jedes Mal, wenn wir mit einer Gruppe unterwegs sind, sehe ich diesen Moment wieder.
Wenn jemand versteht, dass es hier nicht um Tempo geht. Sondern um Raum.
Warum wir immer wieder zurückkommen
Es sind nicht nur die spektakulären Highlights.
Es ist das Gleichmäßige.
Das Ehrliche.
Das Unaufgeregte.
Skandinavien sortiert.
Es nimmt Tempo heraus.
Es zwingt nicht. Es erlaubt.
Man braucht weniger, und wird trotzdem beschenkt.
Und genau deshalb fühlt sich dort vieles größer an.
Auch wenn Norwegen oft das Bild vom Norden prägt – Schweden mit seiner eigenen, stilleren Weite und seinem anderen Rhythmus ist für mich mindestens genauso eine Reise wert.
Vielleicht sogar ein kleines Stück mehr.
Wir fahren nicht dorthin, um etwas abzuhaken.
Wir fahren hin, weil es uns gut tut.
Und weil wir wissen, dass wir dort oben jedes Mal ein Stück näher bei dem sind, warum wir überhaupt begonnen haben, Fahrrad zu fahren.

