Die Menschen, die mich auf dem Weg zum Nordkap begleitet haben

10.000 Kilometer, unzählige Begegnungen

Im Sommer 2024 bin ich mit dem Fahrrad von Österreich bis zum Nordkap gefahren und anschließend wieder zurück.

Wenn ich heute davon erzähle, fragen die meisten nach den Kilometern, den Höhenmetern oder nach dem Moment am Nordkap.

Dabei denke ich oft an etwas völlig anderes.

Ich denke an Menschen denen ich begegnet bin.

An Menschen, die ich manchmal nur wenige Minuten kannte. Menschen, die mich begleitet, unterstützt, eingeladen oder einfach nur zum Lachen gebracht haben.

 

Je länger ich über die Reise nachdenke, desto mehr glaube ich, dass genau diese Begegnungen die eigentliche Geschichte der Tour sind.

 

Wie lange Bikepacking-Touren den Blick auf Menschen, Alltag und Prioritäten verändern, haben wir hier beschrieben.

Holländer müssen Holländer helfen

Bereits am zweiten Tag passierte etwas, das rückblickend fast sinnbildlich für die gesamte Reise steht.

Nach einem langen Regentag landete ich auf einem kleinen Campingplatz irgendwo in Oberösterreich.

Auf dem Rückweg von der Dusche kam ich mit Hanna, einer der Campinggäste, ins Gespräch.

„Oh, Holländerin? Ich bin auch Holländer, also zum Teil!“

Zehn Minuten später saß ich beim Abendessen.

Ihre Begründung:

„Holländer müssen Holländer helfen.“

Genau solche Begegnungen machen etwas mit einer Reise.

 

Man begegnet sich als Fremde und sitzt kurze Zeit später gemeinsam beim Abendessen.

Der grantige Fährmann an der Donau

Wenige Tage später wechselte ich mit einer kleinen Fähre die Donauseite.

Eigentlich eine völlig unspektakuläre Überfahrt.

Ich bedankte mich dafür, dass der Fährmann für einen einzigen Fahrgast überhaupt losfuhr.

Seine Antwort:

„Jo, soll ich nicht fahren? Da kann ich gleich daheim bleiben. Wär mir eh lieber als dieser Scheiß.“

Ich musste lachen.

Nicht weil er grantig war.

Sondern weil er dabei trotzdem seltsamerweise zufrieden wirkte.

 

Einer dieser Menschen, die scheinbar genau dort angekommen sind, wo sie hingehören.

Uwe und die Magie gemeinsamer Kilometer

In Thüringen lernte ich Uwe kennen.

Eigentlich passierte gar nichts Besonderes.

Er fuhr einfach ein Stück mit mir.

Wir redeten über Fahrräder, Reisen und alles Mögliche.

Nach etwa 45 Minuten trennten sich unsere Wege wieder.

Und trotzdem blieb diese Begegnung hängen.

Vielleicht weil sie zeigt, wie wenig manchmal nötig ist.

 

Manchmal reichen ein paar gemeinsame Kilometer.

Das Frühstück, das als Verkehrskontrolle begann

Irgendwo in Schweden sprang plötzlich ein Mann auf die Straße und wollte von mir 300 Kronen kassieren.

Zumindest dachte ich das im ersten Moment.

Der Grund: Ich sei angeblich zu schnell gefahren.

Wenige Minuten später saß ich mit Anna und Ulrich beim Frühstück.

Die beiden hatten meine kleine österreichische Fahne entdeckt und beschlossen, einen vorbeifahrenden Radreisenden spontan einzuladen.

Aus einem Scherz wurde ein Frühstück.

 

Aus einem Frühstück wurde eine Erinnerung.

Wäschewaschen in Schweden

Eine meiner liebsten Erkenntnisse dieser Reise:

Campingplätze sind soziale Brennpunkte.

Nicht wegen der Duschen.

Nicht wegen der Infrastruktur.

Sondern wegen der Menschen.

Beim Wäschewaschen lernte ich Susanne und Eamonn kennen.

Später saß ich mit Peter aus Utrecht zusammen.

Dann mit Didier aus Grenoble.

Menschen aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Lebenswelten und mit völlig unterschiedlichen Geschichten.

Und trotzdem versteht man sich oft innerhalb weniger Minuten.

 

Vielleicht weil man unterwegs automatisch offener wird.

 

Warum sich unsere Sicht auf Campingplätze im Laufe vieler Touren verändert hat

Henry der Vikinger

Kurz vor dem Nordkap wurde die Reise noch einmal typisch nordisch.

Der Campingplatz, den ich ansteuern wollte, existierte nicht.

Die Alternativen waren weit weg.

Ich stand neben meinem Fahrrad und überlegte, was ich jetzt tun sollte.

Da kam Henry.

Ein Mann, den ich vorher noch nie gesehen hatte.

Er fragte, ob alles in Ordnung sei.

Kurze Erklärung.

Seine Antwort:

„Kein Problem. Stell dein Zelt unter mein Haus.“

Später organisierte er sogar noch einen Grill.

Für ihn vermutlich eine Kleinigkeit.

 

Für mich einer der Momente, die ich niemals vergessen werde.

Hubert der Fahrradbummler

Die letzten vier Tage bis zum Nordkap bin ich gemeinsam mit Hubert gefahren.

 

Kennengelernt haben wir uns auf einem Campingplatz kurz nach der finnisch-norwegischen Grenze.

Eigentlich wie viele andere Begegnungen auf dieser Reise: Man kommt ins Gespräch, tauscht ein paar Erfahrungen aus und merkt schnell, ob die Chemie stimmt.

Bei Hubert war das bereits nach wenigen Minuten klar.

Wir beschlossen spontan, das Finale Richtung Nordkap gemeinsam zu fahren.

 

Rückblickend wurden daraus die kurzweiligsten vier Tage der gesamten Reise.

Wer schon einmal viele Wochen alleine unterwegs war, weiß wie besonders es sein kann, plötzlich jemanden zu treffen, bei dem Gespräche nie ausgehen. Die Kilometer vergingen wie von selbst.

Aus einzelnen Etappen wurden gemeinsame Erlebnisse. Aus stillen Momenten entstanden Gespräche über Reisen, das Leben und alles, was dazwischen liegt.

Gerade auf dem Weg zum Nordkap, wo die Landschaft immer rauer und die Vorfreude immer größer wird, war diese Gesellschaft ein echtes Geschenk.

 

Besonders beeindruckt hat mich dabei, dass Hubert nicht nur für sich selbst unterwegs war.

Er fährt mit dem Fahrrad für einen guten Zweck und berichtet darüber regelmäßig in seinem Blog.

 

Wer Freude an authentischen Reisegeschichten hat, sollte dort unbedingt einmal vorbeischauen.

Hubert freut sich über neue Leserinnen und Leser.

 

Manche Menschen begleiten einen über tausende Kilometer. Andere nur wenige Tage.

Und trotzdem hinterlassen sie oft dieselben Spuren.

Die eigentliche Erinnerung

Natürlich erinnere ich mich an Lappland.

An das Nordkap.

An die Fjorde.

An die langen Schotterstraßen durch Schweden.

Aber wenn ich ehrlich bin, dann erinnere ich mich mindestens genauso stark an Hubert, Hanna, den Fährmann, Uwe, Anna und Ulrich, Susanne und Eamonn, Peter, Didier, Henry und viele andere.

Die Landschaften waren beeindruckend.

 

Die Menschen haben ihnen Bedeutung gegeben.

Fazit

Als ich losfuhr, dachte ich, die Strecke wäre die Geschichte.

Heute glaube ich, dass die Strecke nur die Bühne war.

Die eigentliche Geschichte waren die Menschen.

Die spontanen Einladungen.

Das gemeinsame kochen und essen.

Die Gespräche.

Die Hilfsbereitschaft.

Die gemeinsamen Kilometer.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Eigenschaften des Bikepackings:

Man fährt oft alleine los.

Aber man kommt selten allein ans Ziel.

 

Denn die Begegnungen unterwegs gehören genauso zur Essenz des Bikepackings wie die Straßen, Schotterwege und Pässe, die zwischen Start und Ziel liegen.

Mehr noch. Sie sind der Kleber der aus einer Tour, einem Fahrrad, viel Landschaft und noch mehr Kilometer ein

Bikepacking-Erlebnis machen.

Und sie sind der Grund warum ich Radreisen einfach liebe.